Sektorenkopplung zentrales Thema beim 8. Forum Erneuerbare Energien in Oldenburg

Veröffentlicht am Dienstag, 21. Mai 2019

Am 16. Mai 2019 veranstaltete BDO ARBICON das achte Forum Erneuerbare Energien, bei dem das Oldenburger Energienetzwerk OLEC zum mittlerweile zweiten Mal Mitgastgeber war. Die knapp 80 Teilnehmer erhielten unter der Überschrift „Viel Strom – Viel Potential? – Neue Systeme. Neue Akteure. Neue Geschäftsmodelle“ interessante Einblicke in die Zukunft der Branche, von dezentraler Energieversorgung bis zur Mobilitätswende. Dabei bewegte ein immer wiederkehrendes Thema die Referenten: Die Sektorenkopplung.

Frank Reiners, geschäftsführender Gesellschafter von BDO ARBICON, zog zur Eröffnung des Forums ein durchwachsenes Resümee für das vergangene Jahr in der Branche. Mit den nach wie vor großen Herausforderungen beim Ausbau der erneuerbaren Energien seien aber auch Chancen zur Entwicklung neuer Perspektiven und Dynamiken verbunden, die es zu nutzen gelte.

Daran knüpfte Dr. Robert Brandt an. Der Geschäftsführer der Agentur für Erneuerbare Energien e.V. betrachtete den aktuellen Stand der Energiewende in Deutschland. Zwar nehme sich die Energiebranche der ehrgeizigen Zielvorgaben an, doch sei für die Umsetzung ein deutlich höherer Anteil an erneuerbaren Energien in den Bereichen Mobilität und Wärme notwendig. Der Sektorenkopplung, also der Vernetzung von Strom, Wärme und Mobilität, komme bei diesem Ausbau eine Schlüsselrolle als Innovationstreiber zu. Um die Klimaschutzziele zu erreichen und die Energiewende zu meistern, sei außerdem eine Änderung im Konsumverhalten der Gesellschaft notwendig. Zur Förderung gesellschaftlicher Akzeptanz müsse aufgezeigt werden, welchen Mehrwert Projekte im Bereich Sektorenkopplung für die gesamte Bevölkerung bieten.

Thomas Kals aus dem Team Umwelttechnik der Deutsche Kreditbank AG zeigte aus der Perspektive eines Finanzierers auf, wie die Sektorenkopplung die Arbeit der Banken verändert. Die „Verschmelzung von Kundengruppen“ und vielfältige Kombinationsmöglichkeiten von Umwelttechniken führten zu zunehmender Heterogenität der Projekte und damit zu weniger Planungssicherheit für die Bank. Darum gehe die Entwicklung weg von der klassischen Projektfinanzierung hin zur deutlich individuelleren konzeptbasierten Unternehmensfinanzierung.

Frank Grewe, Managing Director der 2G Drives GmbH, behandelte die Frage, in welche Richtung sich das Konzept der dezentralen Energieversorgung entwickeln wird. Dabei identifizierte er Blockheizkraftwerke (BHKW) und Kraft-Wärme-Kopplung im Sinne „aktiver Sektorenkopplung“ als einen Baustein der Lösung. Insbesondere könnten BHKW sehr flexibel auf Schwankungen im Stromnetz reagieren und Fluktuationen von Sonnen- und Windenergie ausgleichen. Der Schlüssel zur Verlässlichkeit hierbei liege in der Digitalisierung. Die 2G Drives GmbH ist eine Tochtergesellschaft der börsennotierten 2G Energy AG aus dem münsterländischen Heek. Die 2G Energy AG wurde kürzlich vom Handelsblatt mit dem Energy Award 2018/2019 für die Entwicklung eines wasserstoffbetriebenen BHKW`s als das innovativste Unternehmen der Energiewende im Bereich Industrie ausgezeichnet.

Mit einem Blick auf die Vor- und Nachteile der Verkehrswende beendete Dr. Jens Winkler, Leiter Energiewirtschaft bei der Enercon GmbH, den ersten Teil des Forums. In der E-Mobilität sehe er großes Potential. Die technischen Voraussetzungen seien bereits vorhanden, ebenso wie der Bedarf an Ladeinfrastruktur und der politische Druck in Form von CO2-Ausstoßvorgaben. Für den erhöhten Strombedarf müssten jedoch Windenergie und Photovoltaik mehr in den Fokus gerückt werden. Die sich derzeit anbahnende E-Mobilitätswelle biete zudem für Unternehmen aus unterschiedlichsten Bereichen wie Fahrzeughersteller, Infrastrukturanbieter, Mobilitätsdienstleister und Immobilieneigner die Chance zur Entwicklung neuer Ladeinfrastruktur-Konzepte. Dies sei auch notwendig, um den künftig steigenden entsprechenden Bedarf decken zu können.

Ralf Mnich, Geschäftsführer der PBS – Energiesysteme GmbH, sprach über die Herausforderungen bei der Quartiersentwicklung unter dem Aspekt der Sektorenkopplung. An einem Modellprojekt im Raum Düsseldorf zeigte er auf, inwieweit etwa hocheffiziente Wärmenetzsysteme in Wohnquartieren einen Beitrag zur Dekarbonisierung leisten könnten. „Die Technik ist da. Es geht nur noch um die Umsetzung“, sagte Mnich und kritisierte bürokratisch bedingte Projektverzögerungen um mehrere Jahre. Von Seiten der verantwortlichen Behörden wünsche er sich darum „mehr Technologieoffenheit und weniger Mutlosigkeit“.

„In der Politik muss mehr passieren“, so fasste Prof. Dr. Jörg Buddenberg, Geschäftsführer der EWE Erneuerbare Energien GmbH, die aktuelle Situation in der Energiebranche zusammen. Das Ziel, bis zum Jahr 2030 mindestens 65 % erneuerbare Energien in die Stromnetze einzuspeisen, sei nach derzeitigem Stand nicht erreichbar. Denn die aktuelle Genehmigungslage stehe der erforderlichen Bedarfsdeckung entgegen. So führe etwa die unterschiedliche Handhabung des Planungsrechts in den einzelnen Kommunen regelmäßig zu Verzögerungen von Projektabläufen. Dadurch werde der Ausbau erneuerbarer Energien unmittelbar behindert. Dies sei umso schwerwiegender, als kleinere Technologieprojekte und ein neues Marktumfeld im Bereich der Sektorenkopplung bereits beweisen hätten, dass es grundsätzlich möglich sei, „große Mengen von echtem Grünstrom“ zu liefern.

Markus Bartelsen stellte das Projekt „H2 Windgas Haurup“ zur Veredelung von Windstrom in Wasserstoff dar. Im Focus stehen dabei sechs Windenergieanlagen der Bürgerwindpark Ellhöft GmbH & Co. KG, die im Jahr 2020 aus der EEG-Förderung herausfallen. Die Umsetzung des Geschäftsmodells umfasst die Errichtung eines Elektrolyseurs zur Produktion von Wasserstoff aus überschüssigem Windstrom und die Errichtung einer Wasserstofftankstelle, um damit Brennstoffzellen-Fahrzeuge zu betanken. Weitere H2-Anwendungsgebiete bestehen in der Bündelabfüllung und der Belieferung von Industrieunternehmen mit Wasserstoff. Dringenden Handlungsbedarf sieht Markus Bartelsen bei einer Verschlankung des regulatorischen und gesetzestechnischen Umfelds. So müssten Stromlieferungen für Sektorkopplungsprodukte von der Stromsteuer, der EEG-Umlage und sonstigen Abgaben befreit werden, sofern der Strom aus der erneuerbaren Energieerzeugung stammt. In diesem Zusammenhang müsste auch der Begriff „räumliche Nähe“ erweitert werden. Markus Bartelsen sprach sich in diesem Zusammenhang für ein staatliches Förderungsmodell aus, das sich auch auf den (Weiter-) Betrieb von Windkraftanlagen nach Auslaufen der EEG-Förderung erstreckt.

Bild von l. n. r.

Klemens Lüke, Dr. Robert Brandt, Marko Bartelsen, Frank Reiners, Frank Grewe, Thomas Kals, Roland Hentschel, Ralf Mnich
(Fotograf Tobias Frick)

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